Entrevista amb Emmanuel Faye sobre els inèdits de Heidegger

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Emmanuel Faye: “Die Krönung der Gesamtausgabe”

Ein Gespräch mit dem französischen Philosophen Emmanuel Faye über die “Schwarzen Hefte” und Heideggers düsteres Vermächtnis. von Iris Radisch

DIE ZEIT Nº 01/2014 Aktualisiert 27. Dezember 2013

 DIE ZEIT: Sie vertreten seit Langem die These, dass Heideggers Philosophie nicht nur an einigen marginalen Stellen, sondern im Kern vom Nationalsozialismus affiziert ist. Nun erwarten wir die Publikation der Schwarzen Hefte im kommenden Jahr. Ist es für Sie vorstellbar, dass diese Hefte noch einmal ein ganz neues Heidegger-Bild ergeben?

Emmanuel Faye: Ich höre schon seit Monaten, dass die Schwarzen Hefte sehr radikale und direkte antisemitische Überlegungen enthalten sollen. Die Textstellen aus den Schwarzen Heften , die jetzt in einer Sendung von France Culture verlesen wurden, haben das bestätigt. Natürlich können wir uns erst dann ein Gesamtbild von den Heften machen, wenn sie vollständig ediert sind. Auf jeden Fall ist es beunruhigend, dass Heidegger die Veröffentlichung seiner antisemitischen Überlegungen als die Krönung der Gesamtausgabe vorgesehen hat. Es sieht ganz so aus, als sei dieser radikale Antisemitismus das bewusste Ziel, das Telos seines Weges.

ZEIT: Dann wäre der Antisemitismus der eigentliche Gehalt des Heideggerschen Denkens?

Faye: Heidegger hat häufig von der Weltlosigkeit des Judaismus gesprochen. Damit spielte er auf das antisemitische Stereotyp vom geschäftstüchtigen Juden an. Aber er geht noch darüber hinaus. Die Juden sind für ihn nicht nur heimatlos, sondern auch “weltlos” . Damit rangieren sie sogar noch unter den Tieren, von denen Heidegger in den Grundbegriffen der Metaphysik im Jahr 1929 sagte, sie seien “weltarm”. Die Juden haben also nicht nur keinen Platz auf der Welt, sie haben auch nie einen gehabt. Das Heideggersche Existenzial des In-der-Welt-Seins hat somit eine deutlich diskriminierende Funktion. Wer wie die Juden keine eigene Welt hat, kann auch nicht in der Welt sein. Im selben Sinne erwähnt Heidegger in den Schwarzen Heften auch wieder diese “Entwurzelung”, durch die sich seiner Ansicht nach das Weltjudentum auszeichnet.

ZEIT: Würden Sie so weit gehen, zu sagen, Heidegger sei ein Faschist gewesen, der die Welt vom “jüdischen Geist” befreien wollte?

Faye: Um genau zu sein, sollte man Heidegger nicht als Faschisten, sondern als Nationalsozialisten betrachten. In seinen Vorlesungen lobt er 1933/34 die “national-sozialistische Weltanschauung” als Garantin eines “Gesamtwandels” des deutschen und sogar des europäischen Menschen. Er spornt seine Studenten an, auf das “Ziel der völligen Vernichtung” der Feinde hinzuarbeiten, die sich “in der innersten Wurzel des Daseins eines Volkes festgesetzt haben”. In einem Brief an Viktor Schwoerer, der vor Jahren in der ZEIT veröffentlicht wurde, schreibt er 1929, es ginge darum, die “wachsende Verjudung im weiteren und engeren Sinne” zu bekämpfen. Er lehnt nicht nur alles ab, was aus dieser “Verjudung” im weitesten Sinn hervorgeht: den sogenannten “liberalen” Individualismus, das universalistische und rationale Denken und das “jüdische Christentum”, sondern er wendet sich auch gegen konkrete Personen wie den Philosophen Richard Hönigswald, der infolge eines antisemitischen Gutachtens von Heidegger von der Münchner Universität entlassen wurde. Im Übrigen darf man auf keinen Fall vergessen, dass auch bei Hitler und Rosenberg der theologisch-politische Antisemitismus sehr ausgeprägt war. Außerdem wäre zu fragen, wie, wenn nicht durch die Vernichtung konkreter Juden, diese totale Vernichtung des “jüdischen Geistes” vonstattengehen sollte? Wie kann man den Wunsch nach einer vom “jüdischen Geist” befreiten Welt vom konkreten Mord an den Juden trennen? Die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat uns bewiesen, dass dies nicht möglich ist.

ZEIT: Wie weit geht Heideggers Verwandtschaft zu NS-Ideologen wie Alfred Rosenberg?

Faye: Heidegger und Rosenberg kämpften um die geistige Führerschaft in der nationalsozialistischen Bewegung. Heidegger akzeptierte allerdings, mit Alfred Rosenberg und Julius Streicher zum Ausschuss für Rechtsphilosophie der Akademie für deutsches Recht zu gehören, der daran gearbeitet hatte, die Nürnberger Rassengesetzgebung zu legitimieren. Beide Autoren ähneln sich in ihrem Bestreben, den Antisemitismus metaphysisch zu überhöhen. In den Schwarzen Heften erhebt Heidegger die dem “Weltjudentum” angedichtete “Entwurzelung” zu einer metaphysischen Angelegenheit. Auch Rosenberg erklärt in seinem Buch Mythos des 20. Jahrhunderts Ziele der nationalsozialistischen Weltanschauung zu einer Frage der Metaphysik. Es gibt eine deutliche Verwandtschaft zwischen dem, was Rosenberg den “Ruf nach eigenem Raum” nennt, und Äußerungen Heideggers in seinen Seminaren wie zum Beispiel in folgender Aussage: “Einem slawischen Volke würde die Natur unseres deutschen Raumes bestimmt anders offenbar werden als uns, den semitischen Nomaden wird sie vielleicht überhaupt nie offenbar.” Der einzige Unterschied zwischen den beiden besteht darin, dass man die Texte, in denen Rosenberg von Metaphysik spricht, heute nicht mehr ernst nimmt. Man erkennt darin sofort die Ideologie. Bei Heidegger hält man die aus seiner nationalsozialistischen Weltanschauung hervorgehenden Positionen aufgrund seiner suggestiven Sprache hingegen für philosophisch relevant und diskutierbar.

ZEIT: Die Herausgeber des gerade in Paris erschienenen Heidegger-Wörterbuches behaupten, es gebe in den bisher erschienenen 84. Bänden der Gesamtausgabe “nicht einen antisemitischen Satz”. Bereits die Veröffentlichung der berüchtigten Rektoratsrede von 1933 wollte man in Paris verhindern. Worauf gründen diese Reaktionen in Frankreich?

Faye: Es stimmt, dass zahlreiche französische Publikationen über Heidegger die historische Realität ausblenden. Mit dieser Haltung beruft man sich auf Heidegger selbst, der zwischen dem “geschichtlichen Schicksal” des “Daseins” und der “historischen Wissenschaft” unterschieden hat. Das hat zahlreiche Generationen dazu verführt, die Augen vor der realen Geschichte zu verschließen. Auch die Fälschungen, die Heidegger an seinen eigenen Texten vorgenommen hat, spielen hier eine Rolle. Ich kann ein Beispiel nennen, das Franck Jolles entdeckt hat: Eine bisher unbekannte Mitschrift der furchtbaren Vorlesungen aus dem Winter 1933/34, in denen es um die “völlige Vernichtung” geht, besagt, dass Heidegger am 30. Januar 1934 40 Minuten zu spät zur Vorlesung erschienen sei, weil er noch eine Führerrede zu Ende habe hören wollen. Diese Vorlesung beginnt dann damit, dass Heidegger sagt, er “werde in Zukunft dafür sorgen, daß die gesamte Studentenschaft und Dozentenschaft innerhalb der Universität eine Gelegenheit findet, gemeinschaftlich das Wort des Führers zu hören”. Er fügt hinzu: “Heute jährt sich zum ersten Male der Tag, da der vormalige Deutsche Staat sein eigenes Sein aufgeben mußte und versetzt wurde in eine neue Wirklichkeit des Volkes […] Die nationalsozialistische Bewegung ist seit diesem Tage der tragende Grund und der eigentlich führende Bereich für den Deutschen Staat geworden. Dies verbraucht unverbrauchte Kräfte einer Generation.” Heideggers Vortrag enthält keinerlei Kritik, im Gegenteil, er wünscht dem Nationalsozialismus ein langes Leben: “Es handelt sich nicht darum, nur für die nächsten Jahre etwas zu bauen, sondern wir müssen auch noch in 50 und 100 Jahren ein gemeinsames geschichtliches Geschehen unseres Volkes sichern.” Statt dieser manifesten Lobrede auf die nationalsozialistische Bewegung findet man in der Gesamtausgabe unter diesem Datum, der “Jahresfeier der nationalsozialistischen Revolution”, einen Vortrag über den Schriftsteller Guido Kolbenheyer, den Heidegger auf gar keinen Fall an jenem Tag gehalten hatte.

ZEIT: Wird man die Philosophiegeschichte nach der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte neu schreiben müssen?

Faye: Auch wenn Heidegger die Absicht hatte, das gesamte abendländische Denken in einer mythischen “Seinsgeschichte” zusammenzufassen, repräsentiert er doch nicht die gesamte deutsche Philosophie. Wirklich neu ist die Tatsache, dass wir jetzt sicher sein können, dass Heideggers zentrale Begriffe wie “Boden”, “Welt” und “Geschichtlichkeit” unmittelbar politisch zu verstehen sind. Wenn man sieht, wie er die Ablehnung des “Weltjudentums” metaphysisch verbrämt, wird man seiner ständigen Verwendung des Wortes “metaphysisch” gegenüber sehr misstrauisch. Man kann also berechtigterweise vermuten, dass der apologetische Umgang mit Heidegger, der die Rezeption lange bestimmte, bald von einer sehr viel kritischeren Haltung abgelöst wird. Wir haben jetzt eine neue Ausgangslage, die es uns gestattet, die bisherige Heidegger-Rezeption neu zu beurteilen.

 

Emmanuel Faye  wurde 1956 geboren. Er ist Philosophie-Professor an der Universität Rouen. Faye veröffentlichte das aufsehenerregende Buch Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie (Berlin 2009).
Im Januar 2014 wird er den Band Heidegger, le sol, la communauté, la race (Heidegger, der Boden, die Gemeinschaft, die Rasse) in Paris herausgeben.

 

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